Grüße aus der Flut

„Der Mensch lebt nicht vom Brot allein.‟ Mit diesem alten weisen Satz beginnt „Grüße aus der Flut‟, das sechste Album des Berliner Singer-Songwriters Max Prosa. Mit rauer Wärme ruft er sein Credo in die Welt hinaus. Luft und Liebe, Lyrik und Musik sind für den Künstler nicht bloß nette Flausen, sondern existenziell. Erst recht in diesen herausfordernden Tagen.

 

Manche der zehn Lieder sind vor Corona entstanden, andere mitten im Eindruck der Pandemie. Und dann gibt es eine Nummer wie „Donnerschlag‟. Vor einem Jahr fürs Theater geschrieben, verdichtet der Song doch exakt die Stimmung, in der wir seit diesem Frühjahr leben: Die Menschen stecken in ihren Gewohnheiten und brauchen erst einen mächtigen Knall, bis sie einander wieder zuhören. „So ein Einschnitt gibt immer Raum für Veränderungen. Auch mein Schreiben hat sich durch die Pandemie verändert, denn das Thema war wirklich präsent, fast schon ein Lebensgefühl. Überall auf den Straßen sprachen die Leute darüber, alle dachten an das Gleiche.‟ Wie ein apokalyptisches Märchen ertönt dieser „Donnerschlag‟. Zu Beginn ein sachte akzentuiertes Piano. Dann flirrt etwas elektronisch Verfremdetes hinein. Die Gitarre bleibt jedoch Herzstück in Max Prosas Schaffen. Ein Instrument für die Reise. Im brüchig tänzelnden Titelsong schaut er mit einer gewissen Gelassenheit auf sein inneres und äußeres Abenteuertum: „Oh, ich bin okay / ich hab zwei Schrammen mehr / eine tut noch weh / doch du kannst sicher sein, dass ich nicht untergeh'‟.

 

Max Prosas Songs senden Grüße aus ganz unterschiedlichen Fluten. Den privaten wie den politischen, den introvertierten und den sozialen. „Buntes Papier‟ ist eine fantastische Kapitalismuskritik, die auf Byung-Chul Hans Philosophie-Bestseller „Psychopolitik‟ basiert. „Am Ende dieser Nacht‟ zelebriert mit sanfter Überwältigung die verwandelnde Macht der Liebe. Und in „Lilly sagt‟ entspinnt sich ein hintersinniger Dialog zwischen Max Prosa und Francesco Wilking von der Popband Die Höchste Eisenbahn. Beide erzählen sie von einer dieser grandios komplizierten Großstadtfrauen, an denen bereits so manches Herzen zerschellt ist. „Francesco und ich haben etwas Gegensätzliches. Er ist eine Generation über mir, hat aber einen sehr jugendlichen und freien Duktus, für den ich ihn bewundere. Wenn wir zusammen spielen, komme ich mir manchmal alt vor.‟

 

Dem Album ist anzuhören, dass da ein Künstler immer wieder hinaus will. Dass er den Austausch sucht und die Eigendynamik liebt. So ist einer der neuen Songs auf Anregung eines Unterstützers entstanden: Der wünschte sich beim Crowdfunding für das Album ein Lied, um den Tod seiner Mutter zu verarbeiten. Max Prosa schrieb die Pianoballade „Von Engel zu Engel‟, in der die Erinnerung an einen gestorbenen Menschen als tröstlicher Nachhall fortbesteht. „Als ich ihm die erste Aufnahme ins Handy gespielt habe, ist er zu ihrem Grab gegangen und hat sie dort abgespielt. Das hat mich sehr tief berührt.‟

 

„Grüße aus der Flut‟ ist ein Werk, das sich aus der Isolation heraus immer weiter geöffnet hat. „Die Corona-Zeit hat bewirkt, dass ich viel mit mir alleine war. Ich musste dadurch auch alleine arrangieren und habe mich plötzlich erinnert, das so auch alles angefangen hat.‟ Ein besonderes Gefühl von zeitlicher Weite, in der Max Prosa die Visionen für seine Lieder detailliert ausformulieren konnte. „Es wurde dadurch auch für andere Musiker leichter, etwas daraus zu machen.‟ Max Prosa hat derzeit keine feste Band, aber passionierte Kollaborateure. Viele der Klaviersongs hat Pianist Sascha Stiehler eingespielt. Am Bass ist Philipp Gosch zu hören („Alpentines‟). Und die Schlagzeugparts übernahm Pascal El Sauaf, der das Album auch produziert hat – im atmosphärischen Studio Nord in Bremen.

 

Trunken schöne Uptempo-Nummern wechseln sich ab mit Liedern, die sehnsuchtsvoll flirren und ihre Kraft ruhig entfalten. Mellotron, Geiger und Bläser beflügeln den Sound vielschichtig. Und getragen werden die Folk-Kompositionen von Max Prosas eindringlicher Stimme. Ein Gesang, der sich dramatisch sträubt und strauchelt, der das Tragikomische unserer Existenz feiert und immer wieder hoffnungsvoll funkelt. Max Prosa hat ein Album geschaffen, das die Angst nimmt vor der Flut. Und das uns mit Mut auflädt, sich mitten hineinzustürzen in all das Wilde, Zarte, Skurrile und Schöne.